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1005 Minuten von Loschwitz (nach Dessau)

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Eigentlich fing alles ganz harmlos an. Ein befreundeter Paddler gab uns den Tipp, dass die Junkers Paddelgemeinschaft in Dessau jedes Jahr ein schönes Rennen ausrichtet, bei dem man erst die Elbe ein Stück rauf und dann wieder runter fährt.

Die Veranstaltung wäre immer ganz toll gewesen und wir sollten doch einfach mal vorbei schauen. Also haben wir gedacht: Warum nicht, mal was anderes zu sehen, als immer nur 49, Schaukelbaum, Maria am Wasser und Freitreppe, kann sicher nicht schaden! Schnell das Telefon geschnappt, Google Maps aufgerufen und erst mal geschaut, wo Dessau denn genau liegt. Auf dem 5 Zoll Display ist das nordwestlich ca. zwei Daumen breit weg von Dresden und wie hieß es noch mal – das Rennen findet auf der Elbe statt? Die fließt doch auch bei uns. Da könnte man doch direkt mit dem Boot anreisen!!! Gut es sind paar Meter und es wird sicher spät werden. Damit wir dann nicht vor verschlossener Tür stehen, haben wir zur Sicherheit lieber mal Kontakt aufgenommen und gefragt, ob, man nach 22:00 Uhr noch auf’s Gelände kommt und einen Platz zum Schlafen findet. Der Veranstalter hat auch ziemlich prompt geantwortet: "Also eine so späte Anreise per Boot hatten wir bislang noch nicht, aber warum nicht ;-)" Damit war eigentlich alles klar – wir machen das! Ab jetzt wurde jeden Tag die Wetter App aufgerufen und geschaut, wie das Wetter wird. Hoffentlich kommt kein Frost … alles ist ok, nur kein Frost. Relativ schnell zeichnete sich ab, dass die Temperaturen auch nachts über dem Gefrierpunkt liegen werden und dazu stieg der Elbpegel auch stetig, so dass wir uns auf hervorragende Strömung freuten. Gut, es war ein bissl Wind angesagt. Aber mal ehrlich, wann haben wir keinen Wind!? Und bei der Strömung … das hebt sich schon irgendwie auf … hoffentlich …

Ronny und Sven bei Elbkilometer 149
Es war heute unsere erste 49, deshalb stand auch eine 1 davor.

Nun war es soweit. Donnerstag gegen 18:00 Uhr haben wir unser Boot mit allem, was man so brauchen könnte, beladen und abfahrbereit zurecht gelegt. Noch mal nach Hause und paar Stündchen auf’s Ohr gelegt und 0:30 Uhr wieder im Bootshaus. Der Wasserstand war perfekt. Einstieg direkt an der Oberkante der Treppe – so einfach ging es den ganzen Winter nicht. Spritzdeck drauf, abschieben und dann … ja dann trieb uns der Wind erst mal die Elbe rauf! Gut, das war suboptimal, aber das kann man jetzt nicht ändern. Also Eindrehen und ab die Post. Da es dunkel war, konnte man die Wellen nicht so gut sehen, aber das regelmäßige Klatschen gegen die Brust verriet, es müssen welche da sein. Kurz nach der Marienbrücke war auch direkt mal eine Stelle, an der es der See- bzw. Elbgang zuließ, mal einen Schluck zu trinken. Trotz der nächtlichen Stunde waren wir jetzt hellwach und mit der Frage beschäftigt, was wir hier eigentlich tun? Der Gedanke von Abbruch ging uns die ganze Zeit durch den Kopf, aber das war keine wirkliche Lösung. Wer sollte uns um diese Uhrzeit abholen und wie lange würde das dauern??? Also weiter. Im Dunkel der Nacht gingen Elbe und Ufer fließend ineinander über. Wir schalteten das „Popometer“ ein, um halbwegs im Strom zu bleiben, was allerdings bei dem Wind nicht richtig funktionierte und so blieb uns nur die optische Navigation. Den Blick frei gerade aus sah es dann in der Ferne frei von jeglichen Konturen aus wie eine Wand. Leider ist auch die Wasserstraße wie jede deutsche Straße mit Baustellen ausgestattet und so mussten wir lernen, was aussieht wie eine Wand, das ist auch eine Wand bzw. in diesem Fall ein riesen Schotterhaufen. Mit weit aufgerissenen Augen und erhöhtem Puls rissen wir das Steuer nach links und entronnen mit kräftigen Schlägen grad so dem Schicksal der Titanic. Nach Riesa wurde es dann endlich hell und der Wind ein wenig schwächer. Ein wenig Hoffnung kam auf und etwas, womit wir schon lange gerechnet hatten, der Druck in der Blase. Es war soweit! Der Einsatz unseres Gadgets, welches wir tags zuvor im Sanitätshaus unseres Vertrauens erworben hatten, kam zum Einsatz. Prinzipiell alles selbsterklärend, aber das erste Mal ist halt immer etwas Besonders. Mit sinkendem Blasendruck stellte sich plötzlich am Oberschenkel ein sehr warmes Gefühl ein. Man bekommt etwas Panik, dass man doch etwas falsch gemacht haben könnte. Da hilft nur cool bleiben! Der Kontrollblick bestätigte: Alles gut gegangen. PVC hat also doch nur einen sehr guten Wärmeleitfaktor! Der Blick auf die Uhr verriet, dass sich jetzt mein Sohn auf den Weg in die Schule macht, was Ronny daran erinnerte, des er für seinen Kleinen noch das Essen abbestellen musste. Da die Wasserstraßen mobilfunktechnisch offensichtlich gut ausgebaut sind, klappte der Verbindungsaufbau auch einwandfrei nur die Kommunikation fiel etwas schwer. Die Dame am anderen Ende meinte: "Es klingt sehr windig bei Ihnen???" Danke an die Erinnerung – ja, der Wind blies wieder kräftig von … na von wo? Natürlich: von vorn! Glücklicherweise macht die Elbe dann irgendwann mal einen Rechtsknick, so dass der Wind auch mal von der Seite und kurzzeitig auch mal von hinten kam. Und dann sahen wir auch mal zur Abwechslung etwas Bekanntes – eine 49.

Ronny und Sven bei Elbkilometer 249
Ronny und Sven bei Elbkilometer 249

Einige Schläge weiter hatten wir die Hälfte der Strecke absolviert und es stellte sich langsam das Gefühl ein, dass wir es doch schaffen könnten. Dank unserer elektronischen Helfer wussten wir, mit welcher Geschwindigkeit wir unterwegs waren und da etwas Kopfarbeit beim stupiden Paddeln nicht schaden kann, haben wir ein wenig hin und her gerechnet. Wenn wir nicht völlig einbrechen, sollte es möglich sein, vor 17:30 Uhr in Dessau anzukommen. Das wären so ziemlich genau 16,75 Stunden und das wären …, halt dich fest: 1005 Minuten!!! Jetzt hatten wir ein Ziel und der Kampfgeist war erwacht. Nun konnten uns auch keine Schubverbände mehr aufhalten, auch wenn sie Wellen schmissen, wie man es sonst nur von der WP01 kennt. Leider fließt die Elbe auch irgendwann wieder nach links, so dass der Wind nun auch wieder von vorn kam. Aber es waren keine 60 km mehr … das wird schon! Kurz vor dem Ziel kam noch mal eine alte Bekannte – die 49. Da es jetzt unsere zweite war, stand auch eine 2 davor.

Nun waren es nur noch ein paar Kilometer, so dass wir unseren Kontaktmann anriefen, um baldiges Erscheinen anzukündigen. Etwas erschrocken, dass wir schon so weit sind, machte er sich gleich auf den Weg ins Bootshaus, um uns gegen 17:00 zu empfangen. Zur Begrüßung gab es erst mal ein frisch Gezapftes im mollig warm geheizten Clubraum. Hierbei stand natürlich der isotonische Aspekt im Vordergrund und mit dem letzten Schluck waren auch die 1005 Minuten rum – Tagesziel erreicht!

Statistik Fahrt Dresden - Dessau
 
Strecke Fahrt Dresden - Dessau

 

Nach einer angenehmen Nacht mit ausgeprägter Tiefschlafphase wachten wir am Morgen des Wettkampftages auf und waren angenehm überrascht, dass der Muskelkater offensichtlich Schiss bekommen hatte und von uns fern geblieben ist. Gegen 9:00 haben sich alle Teilnehmer versammelt und es wurde noch ein schönes Gruppenfoto gemacht:

Gruppenfoto Berg- und Talrallye 2019
Gruppenfoto der Teilnehmer der Berg- und Talrallye 2019 (Foto: Thomas Steinberg)

Neben der Verkündung einer Rekordteilnehmerzahl wurden wir auch mit der weitesten Anreise auf dem Wasser vorgestellt. Die Wortwahl "… bekloppter geht es eigentlich nicht mehr" haben wir dabei als Ritterschlag empfunden, was unsere Bommeln noch grüner leuchten ließ. Allerdings stand nun die Frage im Raum, was wir heute noch abliefern können und die Gespräche am Vorabend und der Blick auf das auf der Wiese liegende Material hatte schon längst verraten, dass die Kollegen, die hier antreten, wissen, was sie machen. Wenn wir uns hier nicht blamieren wollen, müssen wir die Arschbacken zusammenkneifen (was nach 211 km etwas leichter gesagt als getan ist).

Gestartet wurde im Minutenabstand. Als Neue sind wir als das vorletzte Boot auf die Strecke gegangen. Eine Schubeinheit (die hier deutlich schneller fahren als bei uns) hat noch mal das Wasser ordentlich aufgerichtet und dann ging es los.

Urkunde Berg- und Talrallye 2019
3. Platz für Ronny und Sven im K2
Sven und Ronny in Dessau
Sven und Ronny nach der Zieldurchfahrt (Foto: Thomas Steinberg)

Mit Startnummer 33 hatten wir ein gutes Omen (für Insider: 4 Touch Downs in einem Spiel). Allerdings hatten wir zunächst einige Probleme, die richtige Linie zu finden. Die Uferbefestigung ist hier eine ganz andere als bei uns und bei dem Wasserstand waren wenige Meter entscheidend für die Strömungsverhältnisse. Deshalb haben wir erstmal die Eingeborenen beobachtet und haben mit Mühe versucht dranzubleiben. Mit jedem Kilometer sind wir aber besser ins Rennen gekommen und ab ca. Kilometer 7 lief die Kiste. Mit „freudbetontem Schlag“ (so wie wir es bei EMM gelernt haben) kämpften wir uns wieder vor. Vor der Wende waren wir ran und somit wieder im Rennen. Nun konnten wir unseren Vorteil ausspielen. Schließlich hatten wir die Strecke am Vortag schon mal inspiziert. Diese Karte haben wir auch ausgespielt und uns auf Platz 3 geschoben und sukzessive Wasser zwischen uns und Platz 4 geschafft. Platz 1 und 2 waren außer Reichweite, also ging es nur noch um die Zeit und die konnte grandios werden. Rein rechnerisch müssten wir deutlich unter 3 Stunden schaffen. Leider wussten wir durch die Schubeinheit am Start nicht unsere exakte Startzeit und deshalb setzten wir zu einem langgezogenen Endspurt an, der uns nach exakt 2:40:58 über die Ziellinie katapultierte (wohlgemerkt mit einem Wanderboot).

Siegerehrung Berg- und Talrallye 2019
Siegerehrung Berg- und Talrallye 2019

Auch wenn der Start etwas holprig war – es war einfach das perfekte Wochenende und wer weiß, wenn sich noch paar Bekloppte finden, vielleicht gibt es die 1005 Minuten von Loschwitz nach Dessau mit Le-Mans-Start und Ziel-Bier-Leerung tatsächlich irgendwann einmal als offizielle Veranstaltung ;o)

Dresden, 18.03.2019
Sven Baumgarten und Ronny Silze
Green Bommels Saxony

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Reinhard "Hardy" Schier

Wasserwanderer Dresden
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