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Wo oben ist geht's lang – angetestet und Blut geleckt

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Was machen im Sommer? Eigentlich hätte ich große Lust wieder ins Kajak zu steigen und auf dem Meer zu paddeln. Aber wo? Die Adria war wirklich schön. Aber zum dritten Mal? Von Warnemünde mit Rückenwind am Draß vorbei nach Rügen. Könnte schön werden. Aber im kalten Wasser ohne elementare Kenntnisse im Seekajak? Das trau ich mir nicht zu.

Also ist die Entscheidung klar: Ein Grundlagenkurs Seekajak fahren muss her. Gesucht, gefunden, gebucht am: 18. August ging es los. Viereinhalb Tage in der Flensburger Innenförde bei Seakayaking Germany auf dem Gelände des 1. Flensburger Kanu Klubs.

Anreise geschafft, Zeltaufbau zügig abgeschlossen, denn Punkt vier am Freitagnachmittag ist Kursbeginn: Es beginnt mit einer Vorstellungsrunde im Vereinszimmer: Trenk, unser Trainer, moderiert an und alle Teilnehmer stellen sich und ihre Wünsche an den Kurs in wenigen Sätzen vor. Die Kurzfassung der ersten Theoriestunde: Wir werden eine Menge lernen, Paddeltechnik, Steuertechnik, Rettungstechnik, Navigation, elementare Wetterkunde, Tourenplanung, Unterkühlung. Unterm Strich geht es darum, die Grenze unserer individuellen Komfortzone zu erweitern, uns an die Abenteuerzone heranzuwagen und nicht in die Gefahrenzone zu gelangen. Klingt logisch und macht Sinn – und alles und immer im sicheren Bereich unter den erfahrenen Augen unseres Trainers.

Seekajaktraining Bild 1
Paddeln auf der Flensburger Förde (Foto: Trenk Müller, Seakayaking Germany)

Was das bedeutet erfahren wir noch heute Abend: Trenk schiebt die Playmobil-Kajaks auf den Tisch und demonstriert den assistierten Wiedereinstieg: Heel Hook. Eine Stunde später hat jeder von uns ein Boot unterm Hintern und wir paddeln bei Wellen im Neoprenanzug mit Schwimmweste im einsetzenden Regen zur gelben Boje. Kajakfeeling und Freude kommt auf bei sauberem, warmen Ostseewasser. Es folgt spontane Pärchenbildung und dann Wiedereinstiegstraining Nr. 1: Unterwasserausstieg, auftauchen, Boot greifen, Partner suchen, gekentertes Boot übergeben, Warteposition am Bug des rettenden Bootes einnehmen, Boot ausgießen lassen (funktioniert nur wenn der Bug oben liegt), Boot wird ausgerichtet und fixiert, daneben schwimmen und dann von hinten mit einer Körperdrehung ins Cockpit rutschen, Spritzdecke fixieren, Paddel greifen – alles safe? Danke und Abfahrt. So einfach ist das. Irgendwie hat es geklappt und ich bin ins Boot gekommen. Jeder übt zwei Mal, dann geht es zurück zum Club. Zwei Stunden später sitzen wir erschöpft und glücklich beim Italiener, lassen den Tag ausklingen und freuen uns auf morgen. Neun Uhr ist Beginn der ersten Theoriestunde, danach geht es aufs Wasser. Zwei Stunden Stützen, Kanten, Steuern, Skegbenutzung, eine Stunde Mittagspause und dann am Nachmittag wieder auf's Wasser. Am Ende folgt die Wiederholung des Heel Hook. Jeder ist wieder zwei Mal dran. Als Retter und Geretteter. Es klappt schon besser. Die Abläufe werden sicherer. Wen stört es, dass es regnet? Nass sind wir eh, von Wind und Wellen und vom Baden gehen. Eine Stunde Theorie u.a. zum Seewetterbericht beschließt den Tag: Trenk's Hausaufgabe inklusive: “Morgen früh krieg ich die für unser Revier wichtigen Wetterinformationen von Euch. Ich wünsch Euch einen schönen Abend – wir sehen uns um 9.”

Rettungsübung
Rettungsübung auf der Flensburger Förde (Foto: Trenk Müller, Seakayaking Germany)

Es wird ein kurzer Abend im Bunker im Club. Draußen regnet es und ich bin knülle vom Tag. Sonntagmorgen 9 Uhr: draußen regnet es wieder und wir präsentieren den Wetterbericht: Wind 4-5 NW-drehend, Böen 7 – ist die Kurzfassung. Es folgt Theorie der Navigation und die Playmobil-Vorführung des All-in (All in the Water: Wie kommen wir zurück ins Boot, wenn alle draußen sind).  Ich glaube, nicht nur ich hatte hier einen fetten Knoten im Kopf. Was soll's, wir machen das dann auf dem Wasser. Zunächst geht es heute morgen stadtwärts mit Hinweisen zum effektiven Vorwärtsschlag.  Es beginnt zu regnen: stört mich inzwischen überhaupt nicht mehr. Dann weitere Übungen zur Bug- und Hecksteuerung. Trenk, ich hab da noch eine Frage: "Wenn ich das Boot links kante, wie 'rum fährt es dann?" Antwort: "Ganz einfach: Wo oben ist geht's lang!" Recht hat er. Der Satz lässt sicht gut merken. Es folgt die Fördequerung mit Rückenwind und Wellen zurück zum Camp zur Mittagspause. Am Nachmittag üben wir die Schlepptechnik und den "All-in" in Strandnähe im Schutz des Yachthafens. Der Wind bläst heftig! Lena und ich sind dran: "All in": Zwei Boote und zwei Leute im  Wasser. Jeder hat sein Boot, wir finden zueinander. Nach ewiger Zeit und heftigen Korrekturhinweisen von Trenk gelangen wir auch jeder in sein Kajak zurück. Gute 200 m sind wir dabei abgetrieben, aber wir haben es gepackt.

Der Tag endet mit einer Einheit Theorie im Club: Unterkühlung und was man dazu wissen muss sowie Tourenplanung für unseren Ausflug ins Dänische sind angesagt. Danach geht es zum Italiener ordentlich Kalorien konsumieren nach einem anstrengenden Tag in einer Runde gut gelaunter, glücklicher Gesichter.

Zweieinhalb Tage Grundlagen in Theorie und Praxis haben uns fit gemacht und Sicherheit gegeben für eine kleine Tour ins Dänische mit Übernachtung. Elf Uhr, die Boote sind gepackt. Der Wind ist wieder da. In Stärke 4-5 treibt er fette Wolken übers Wasser. Tiefer und schwerer als zuvor liegen die Boote stabil in den Wellen. Fünf Boote gehen auf Kurs Nordost in die Förde. Wind und Wellen schieben uns kräftig Richtung Holnis. Immer wieder gebe ich Heckruder. Es geht so einfach. Dicht zusammen bleiben ist angesagt. Ein Pulk Segelboote kreuzt uns entgehen und vorbei. "Kursänderung: 30 Grad" kommt das Kommando. Ergänzt durch "Deckspeilung gelbes Getreidefeld am Ufer gegenüber". Auf geht's durch das Fahrwasser der Innenförde bei Seitenwind und Seitenwellen. Skeg ist voll gesetzt. Mit langen Schlägen kommen wir voran. Rechts kommt ein großer Segler langsam näher. Immer näher. "Kursänderung auf Heck des Seglers" ruft der Guide. Augenblicks orientieren wir uns neu. Das war Trenks Zeichen an den Skipper. Der nimmt Fahrt auf und zieht vorüber. So einfach hat Trenk die Situation entschärft. Wieder was gelernt, denke ich mir, richte meine Peilung zurück auf das Getreidefeld und nehme Fahrt auf. Immer wieder rollen Wellen übers Deck. "Mann über Bord" kommt es unüberhörbar laut von Backbord. Augenblicklich stoppt der Pulk. "Ich übernehme" ruft Stefan und ist schnell vor Ort. Wir sammeln uns an der Kenterstelle. Der Heel Hook sitzt und zwei Augenblicke später geht es gemeinsam weiter mit Kurs Getreidefeld. Etwa zwanzig Minuten danach sind wir aus dem gröbsten raus und finden einen Rastplatz. Pause – Essen – Trinken – Kräfte sammeln. Das war der harte Teil der Tour. Der Rest verläuft auf dänischer Seite. Der Wind lässt nach, ich spiele mit dem Boot und arbeite an meiner Paddeltechnik. Thema: Rumpfdrehung und Zugphase vorn. Am Horizont wird die Brücke von Egernsund als Zielmarkierung sichtbar.

Seekajaktraining Bild 2
Paddeln auf der Flensburger Förde (Foto: Trenk Müller, Seakayaking Germany)

Es ist nach 15 Uhr. Mit 10 Seemeilen in den Armen und um ein großartiges Teamerlebnis reicher, erreichen wir den Rastplatz östlich hinterm Ort.

Eine himmlische Nacht am Nybol Nor endet mit einem Sonnenaufgang, wie seit Tagen nicht gesehen. Ein heißer Kaffee weckt die Lebensgeister. Kurz nach neun Uhr geht es bei Windstärke 2 von vorn heimwärts zum Flensburger Kanuclub. Via Ochseninseln verläuft die Route zurück. Ich habe die Chance das Grönlandpaddel anzutesten. Eine neue Erfahrung für mich: andere Technik, andere Muskelgruppen melden sich. Es macht mir Spaß.

Ein ungewohnter Anblick begrüßt uns zurück am Kanuclub: Die Sonne steht über dem Heimatstrand, wo eine erlebnisreiche Tour mit tollen Leuten endet.

Dank und Respekt für Trenk! Was er uns in viereinhalb Tagen beigebracht hat, ist beeindruckend. Für mich war es die perfekte Kombination aus Trainingslager, Abenteuercamp und Urlaub. Wir hatten Spaß und haben jede Menge gelernt. Ich habe jetzt große Lust auf Meer!

 

Robert R.

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